Die 'Euthanasie'-Morde der Nationalsozialisten

Die NS-"Euthanasie"-Morde an den erwachsenen Patienten und Patientinnen in Heil- und Pflegeanstalten im Deutschen Reich im Nationalsozialismus werden in zwei Phasen unterschieden. In der ersten Mordphase wurden die Menschen in Gaskammern getötet und in der zweiten Mordphase wurden sie durch gezielte Mangelernärhung und wahrscheinlich auch durch überdosierte Medikamente getötet.

Die Erste Mordphase

Die Morde an erwachsenen Patienten und Patientinnen in den Heil- und Pflegeanstalten im Deutschen Reich begannen im Januar 1940. Graue Busse holten die ausgewählten Patientinnen und Patienten aus den Anstalten ab und brachten sie in insgesamt sechs Tötungsanstalten, die von der "T4"-Zentrale in Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim (heute Österreich) und Pirna-Sonnenstein eingerichtet worden waren. Dort wurden die Patientinnen und Patienten in Gaskammern, die als Duschräume getarnt waren, mit Kohlenmonoxyd erstickt. Ihre Leichen wurden sofort eingeäschert. Wenig später schickten die Tötungsanstalten den Angehörigen "Trostbriefe" mit falschen Angaben zur Todesursache und zum Sterbedatum.
Im Verlaufe der "T4-Aktion" wurden von Januar 1940 bis August 1941 mehr als 70.000 Menschen ermordet. Die Gasmorde endeten am 24. August 1941 u. a. nach öffentlichen Protesten des katholischen Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen.

Die Zweite Mordphase

Der Stopp der Gasmorde im Sommer 1941 bedeutete nicht das Ende der "Euthanasie"-Morde, sondern einen Wechsel in der Verantwortlichkeit, der Organisation und der Tötungsmethode.
Die Morde wurden nicht mehr zentral von Berlin aus und für jeden einzelnen Fall angeordnet, sondern Länder- oder Provinzialverwaltungen erteilten pauschale Tötungsermächtigungen. Die Selektion und der Transport der Opfer in einzelne geographisch ausgewählte Tötungsanstalten wurden nicht mehr zentral für das gesamte Reich gesteuert. An ihre Stelle traten lokale und regionale Maßnahmen, die unter Umständen dazu führten, dass in einem Verwaltungsbereich flächendeckend gemordet wurde.
Die Planungen der Morde konnten aber auch über die Region hinausgehen und die "T4"-Zentrale einbeziehen, z. B. als Koordinatorin von Patiententransporten von einem Reichsteil in den anderen. In diesen Fällen kristallisierten sich wieder überregionale Tötungszentren wie Hadamar oder Meseritz-Obrawalde in Pommern heraus.
Schließlich wurde der arbeitsteilige und damit in der Verantwortung aufgeteilte Massenmord in der Gaskammer abgelöst durch den individualisierten, vom Täter eigenhändig ausgeführten Mord mit überdosierten Medikamenten, die in Tablettenform oder als Injektion verabreicht wurden. Gleichzeitig starben Patientinnen und Patienten an gezielter Mangelernährung oder vorenthaltener medizinischer Versorgung.