Wir alle sind ihnen schon begegnet – vielleicht auch ohne es zu bemerken: Bildern in den Sozialen Netzwerken, die mit Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt wurden. In den letzten Monaten häufen sich auch solche Inhalte, die einen Bezug zum Nationalsozialismus herstellten.
Das Problem: Diese meist hochemotionalisierenden Darstellungen bilden keine historischen Ereignisse ab und sind frei erfunden. Sie zeichnen ein verzerrtes und falsches Bild der nationalsozialistischen Verbrechen, etwa durch angebliche Wiedersehensszenen zwischen Gefangenen und Befreiern oder durch erfundene Darstellungen weinender Kinder hinter Stacheldraht.
Die Motive hinter diesen Inhalten sind vielfältig. Einerseits nutzen sogenannte Content-Farmen die emotionale Wirkung des Holocausts und der Verbrechen der Nationalsozialisten, um mit geringem Aufwand hohe Reichweiten und dadurch Einnahmen zu erzielen. Andererseits werden KI-generierte Darstellungen gezielt eingesetzt, um historische Fakten zu relativieren, Opfer- und Täterrollen zu verschieben oder revisionistische Narrative zu verbreiten. Die Funktionslogiken der Plattformen verstärken diese Entwicklung, indem sie emotional aufgeladene Inhalte unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt bevorzugt verbreiten.
Wir beobachten diese Entwicklung mit großer Sorge und wehren uns gegen das Verdrängen historischer Quellen und wissenschaftlicher Recherche! Wir wollen eine digitale Alltagswelt, in der Verfolgte des Nationalsozialismus sich darauf verlassen können, dass ihre Daten nicht missbraucht werden. Wir wollen, dass vielfältige, echte Stimmen und Perspektiven gehört werden und nicht für Profit ausgenutzt werden.
Gedenkstätten und Lernorte haben einen offenen Brief dazu veröffentlicht: „Konsequentes Vorgehen gegen KI-generierte Holocaust-Verfälschungen auf Social Media-Plattformen“.
Wortlaut des Briefes
13. Januar 2026
Konsequentes Vorgehen gegen KI-generierte Holocaust-Verfälschungen auf Social Media-Plattformen
In den Sozialen Netzwerken tauchen in den letzten Monaten immer mehr massenhaft mit Künstlicher Intelligenz (KI) erstellte Inhalte mit Bezug zum Nationalsozialismus auf, die keine historischen Ereignisse abbilden, sondern frei erfunden sind. Diese umgangssprachlich als AI-Slop bezeichneten Inhalte zeigen beispielsweise vermeintliche Situationen in nationalsozialistischen Lagern oder bei deren Befreiung. Diese zeichnen ein extrem verzerrtes und falsches Bild. Beispielsweise kursieren KI-generierte Bilder, die ein angebliches Wiedersehen zwischen Gefangenen und Befreiern zeigen, oder erfundene Szenen weinender Kinder hinter Stacheldraht. Mit Künstlicher Intelligenz werden hier Inhalte erstellt, die aus Versatzstücken historischer Fakten und emotionalisierter Fiktion bestehen.
Hinter diesen Inhalten stehen unterschiedliche Motive: Zum einen nutzen sogenannte Content-Farmen die emotionale Wucht des Holocaust, um mit minimalem Aufwand maximale Reichweite zu erzielen. Ein Geschäftsmodell, das auf Klicks und Werbeeinnahmen basiert. Zum anderen werden diese Inhalte gezielt eingesetzt, um historische Fakten zu verwässern, Opfer- und Täterrollen zu verschieben oder revisionistische Narrative zu verbreiten. Die Algorithmen der Plattformen begünstigen dabei emotional aufgeladene Inhalte, unabhängig von deren Wahrheitsgehalt.
Diese Entwicklung beobachten wir als Einrichtungen historisch-politischer Bildung mit großer Sorge. KI-generierte Inhalte verfälschen die Geschichte durch Verharmlosung und Verkitschung. Sie verändern die Sehgewohnheiten der Nutzer*innen, die zunehmend auch authentische historische Dokumente anzweifeln. Mit jedem dieser Postings wird die Arbeit von Gedenkstätten, Archiven, Museen und Forschungseinrichtungen entwertet und ihre Glaubwürdigkeit untergraben.
Wir setzen uns für eine digitale Öffentlichkeit ein, in der Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung und ihre Nachkommen davor geschützt sind, dass ihre Lebensgeschichten von Unbekannten für Profit instrumentalisiert werden. Historische Quellen und wissenschaftliche Forschung dürfen nicht von massenhaft KI-generierten Inhalten verdrängt werden. Wir wollen, dass echte Stimmen und vielfältige Perspektiven gehört werden.
Wir sind nicht gegen digitale Formen des Gedenkens und der Vermittlung. Auch künstliche Intelligenz kann in der historisch-politischen Bildungsarbeit durchaus sinnvoll eingesetzt werden. Die gesamtgesellschaftliche Herausforderung besteht jedoch darin, ethische und historisch verantwortungsvolle Standards für diese Technologie zu entwickeln. Plattformbetreiber tragen dabei eine besondere Verantwortung: Sie müssen sicherstellen, dass das Leid der Opfer nicht durch emotionalisierte Fiktionen trivialisiert wird.
Wir fordern Plattformbetreiber auf:
- Proaktiv gegen geschichtsverfälschende KI-Inhalte vorzugehen. Nicht erst nach Nutzer*innenmeldungen
- Geschichtsverfälschende und irreführende Inhalte als Fehlinformation über die internen Meldesysteme meldbar zu machen
- Konten, die solche Inhalte verbreiten, von allen Monetarisierungsprogrammen auszuschließen
- KI-generierte Inhalte ausnahmslos zu kennzeichnen und bei Verstößen gegen die Kennzeichnungspflicht zu entfernen
- Mit Gedenkstätten, Archiven und Expert*innen zusammenzuarbeiten, um Erkennungssysteme für Holocaust-bezogene Fehlinformationen zu verbessern
Erstunterzeichner*innen (alphabetisch):
Arbeitsgemeinschaft KZ-Gedenkstätten:
– Gedenkstätte Bergen-Belsen
– Gedenkstätte Buchenwald
– KZ-Gedenkstätte Dachau
– KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
– KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora
– KZ-Gedenkstätte Neuengamme
– Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
– Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen
Arolsen Archives
Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager
Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit
Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
Gedenkstätte Hadamar
Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel
Gedenkstätte Lager Sandbostel
Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht e.V.
Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors
Jüdisches Museum Berlin
KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund
Netzwerk Digital History und Memory
Sprecher*innenrat des Netzwerks der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen an Orten ehemaliger NS-Kriegsgefangenenlager
Ständige Konferenz der NS-Gedenkorte im Berliner Raum:
– Denkmal für die ermordeten Juden Europas
– Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen
– Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz
– Gedenkstätte Deutscher Widerstand
– Topographie des Terrors
Stiftung Bayerische Gedenkstätten
Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen
Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten
Verband der Gedenkstätten in Deutschland e.V.
Mitunterzeichner*innen (alphabetisch):
Ausstellung “Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939–1945”
Denkort Bunker Valentin
Deutsches Exilarchiv 1933-45 der Deutschen Nationalbibliothek
Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse
Erinnerungs- und Lernort „Halle 116“
Gedenkhalle Oberhausen
gedenkplaetze.info
Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig
Gedenkstätten Brandenburg an der Havel
Geschichtswerkstatt Göttingen e.V.
KZ-Gedenkstätte Moringen
Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim
Projekt “Zwangsarbeit 1939-1945”
Stiftung Sächsische Gedenkstätten
Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin







