Die Landesheilanstalt Hadamar ist nicht nur während der „Aktion T4“ ein Ort, an dem Menschen gezielt ermordet werden. Auch wenn nach Beendigung des zentral gesteuerten Mordprogramms nach außen hin wieder ein Anstaltsbetrieb aufgenommen wird und Patientinnen und Patienten die Stationen belegen, ist der Alltag der Anstalt erneut durch gezielte Tötungen bestimmt. Diese Morde sind Teil der „dezentralen Euthanasie“. Im gesamten deutschen Reich werden in dieser Zeit Menschen durch überdosierte Medikamente, Mangelernährung sowie extreme Vernachlässigung in zahlreichen psychiatrischen Einrichtungen getötet. Heute sind allein in Hadamar mehr als 4.400 Ermordete namentlich bekannt.
Während der „dezentralen Euthanasie“ entwickelt sich Hadamar zu einem der wesentlichen Tötungsorte. Anders als bei der „Aktion T4“ gibt es keine aus Berlin gesteuerte Organisation der Morde mehr. Die Verantwortung wird in die Länder- und Provinzverwaltungen abgegeben, die „Euthanasie“ auch ohne zentrale Anweisungen in den Anstalten weiterführt.
Am 13. August 1942 und am folgenden Tag kommen die ersten Transporte mit über 120 Patienten aus der Nervenklinik Bremen. Diese markieren den Beginn der „dezentralen Euthanasie“. Bis 1945 sterben auf den Anstaltsstationen neben psychisch erkrankten durch den Bombenkrieg traumatisierte Menschen, ehemaligen Soldaten der Wehrmacht und Waffen-SS sowie psychisch erkrankten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auch Kinder und Jugendliche.

Darüber hinaus gibt es ab 1943/44 Menschen, die nicht aufgrund psychiatrischer Diagnosen ermordet werden: überwiegend an Tuberkulose erkrankte Zwangsarbeitskräfte, sowie „jüdische Mischlingskinder“, die durch Fürsorgeeinrichtungen nach Hadamar überstellt werden.
Die tägliche Selektion zur Ermordung wird vom medizinischen Personal vor Ort getroffen, der Mord selbst individuell durch das diensthabende Pflegepersonal ausgeführt. Nach der Aufnahme in Hadamar sind die Überlebenschancen verschwindend gering. Nur in Ausnahmefällen überleben die Menschen länger als ein paar Wochen oder Monate. Ein heute bekanntes Auswahlkriterium für den Zeitpunkt der Ermordung ist die noch vorhandene Arbeitsfähigkeit der Menschen.
Angehörige werden systematisch über das Schicksal ihrer Familienmitglieder belogen, auch in Bezug auf die Ruhestätte der Ermordeten. Ab 1942 werden die Menschen mehrheitlich in Massengräbern verscharrt. Als Tarnung wurde ein Anstaltsfriedhof mit vorgetäuschten Einzelgräbern angelegt.
Erst mit dem Eintreffen der US-Soldaten am 26. Märze 1945 wird die systematische Ermordung der Anstaltspatientinnen und -patienten beendet. Doch auch in der folgenden Zeit sterben weitere Menschen an den Folgen zuvor erlittener Mangelernährung und extremer Vernachlässigung.



