Vom Ende der Krankenmorde zum Symbol für die NS-„Euthanasie“-Verbrechen

Auf ihrem Vormarsch Richtung Mitteldeutschland erreichten Verbände der US-amerikanischen Armee am 26. März 1945 die Stadt Hadamar. Sie befreiten die Stadt und die Anstalt vom Nationalsozialismus und beendeten den Krankenmord, dem fast 15.000 Patientinnen und Patienten im Rahmen der „Aktion T4“ und der nachfolgenden „dezentralen Euthanasie“ zum Opfer gefallen waren.

Als die amerikanischen Soldaten in der Anstalt eintrafen, fanden sie hier katastrophale Zustände vor. Die über 500 Kranken waren durch systematische Vernachlässigung und gezielte Mangelernährung ausgehungert und geschwächt. Obwohl die US-Armee die medizinische Versorgung sicherte und Zusatzrationen zur Verfügung stellte, kam für zahlreiche Patientinnen und Patienten die Hilfe zu spät. Viele von ihnen starben in den Tagen und Wochen nach der Befreiung an den Folgen der Unterversorgung.

Das Gebäude, die Krankenstationen sowie die Einrichtung waren aufgrund der nationalsozialistischen Anstaltspolitik zum Zeitpunkt der Befreiung heruntergewirtschaftet und teils nicht mehr brauchbar. Betten mussten schrittweise erst wieder bereitgestellt werden.

Die offensichtlichen Spuren des Krankenmords führten zu den ersten, unmittelbar nach der Befreiung einsetzenden Ermittlungen der US-Armee. Die hauptverantwortliche Klinikleitung, die sich noch vor Ort befand, wurde in Haft genommen und verhört. Ebenso wurden Zeugenbefragungen zu den Krankenmorden durchgeführt, Beweismaterial wurde sichergestellt. Auch zum Anstaltsfriedhof, auf dem die ab 1942 ermordeten Patientinnen und Patienten in Massengräbern verscharrt worden waren, führte die US-Armee Ermittlungen durch. Unter Aufsicht eines US-amerikanischen Pathologen wurden mehrere Leichname exhumiert und gerichtsmedizinisch untersucht. Das während der Ermittlungsarbeit gesammelte Beweismaterial führte im Oktober 1945 zu einem ersten Prozess gegen Angehörige des Tötungspersonals vor einem US-amerikanischen Militärgericht in Wiesbaden.

Hadamar war eine der ersten großen Mordstätten, die von der US-Armee befreit wurden. Die Überlebenden der Krankenmorde, deren körperliche Verfassung, die Anstalt, die Spuren der Verbrechen, das Tötungspersonal und die Ermittlungsarbeit selbst wurden in Foto- und Filmaufnahmen festgehalten. Die Bildproduktion diente der Beweissicherung und der Berichterstattung. Schon frühzeitig, im April 1945, wurde über die Tötungsanstalt Hadamar in englischsprachigen Zeitungsartikeln und Wochenschauen berichtet. Mit ihnen gingen die Bilder um die Welt, die Hadamar zu einem Symbol der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen machten.

Literatur: Georg Lilienthal, „Die Erbschaft, die ich antrat, war sehr unerfreulich“. Hadamar nach dem Krankenmord, in: Christine Wolters, Christof Beyer, Brigitte Lohff (Hg.), Abweichung und Normalität. Psychiatrie in Deutschland vom Kaiserreich bis zur Deutschen Einheit, Bielefeld 2013, S. 199–218.