Die Morde an erwachsenen Patienten und Patientinnen in den Heil- und Pflegeanstalten im Deutschen Reich begannen im Januar 1940. Graue Busse holten die ausgewählten Patientinnen und Patienten aus den Anstalten ab und brachten sie in insgesamt sechs Tötungsanstalten, die von der „T4“-Zentrale in Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim (heute Österreich) und Pirna-Sonnenstein eingerichtet worden waren.

Dort wurden die Patienten und Patientinnen in Gaskammern mit Kohlenmonoxyd erstickt. Als (vermeintlich) psychisch kranke oder behinderte Menschen wurde ihnen im Rahmen der NS-„Euthanasie“ das Recht auf Leben abgesprochen. Die „Aktion T4“ endete am 24. August 1941. Jedoch wurde auch danach in den Heil- und Pflegeanstalten weiter gemordet.

In Hadamar wurden im Rahmen der „Aktion T4“ zwischen dem 13. Januar 1941 und dem 21. August 1941 über 10.000 Menschen getötet.

Ab dem 13. Januar 2021, 80 Jahre nach den Verbrechen, haben wir auf unserer Facebook-Seite unter #Hadamar1941 bis August 2021 an die Morde der „Aktion T4“ in Hadamar erinnert. Wir haben dafür insgesamt acht Biografien veröffentlicht, die stellvertretend für die vielen weiteren Menschen stehen, die in Hadamar ermordet wurden.

Eine Grafik mit einem beigen Hintergrund. In der oberen linken Ecke steht in roter Schrift "#Hadamar1941", in der rechten unteren Ecke sind zwei rote Balken übereinander, die in das Bild ragen. Im oberen Balken steht in heller Schrift "Hans Frey", im unteren steht "1911-1941". In der Mitte der Grafik ist in einem dunkleren Beige die Form einer rechteckigen Fotografie angedeutet. Da keine Fotografie vorhanden ist, bleibt der Kasten leer.
Grafik: Gedenkstätte Hadamar

Hans Frey

Hans Frey wurde am 7. Mai 1911 in Frankfurt am Main geboren, wo er mit zwei Stiefbrüdern aufwuchs. Nach seinem Abschluss an der Bornheimer Mittelschule begann er eine Lehre in der Schlosserei der Frankfurter Adlerwerke. Bis zu seiner Kündigung aufgrund von Betriebseinschränkungen blieb er dort beschäftigt.

Nach dem Verlust seiner darauffolgenden Anstellung als Chauffeur war er drei Jahre arbeitslos und engagierte sich spätestens ab 1933 politisch für kommunistische Organisationen in Frankfurt. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten wurde er 1935 verhaftet. 1936 verurteilte ihn das Oberlandesgericht Kassel wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu acht Jahren Zuchthaus und zehn Jahren „Ehrverlust“. Er wurde im Zuchthaus Butzbach inhaftiert.

Nach zwei Jahren wurde er 1938 von Butzbach aus in die psychiatrische Abteilung des Zuchthauses Straubing verlegt. Laut Gutachten des Gesundheitsamtes zeigte Frey Symptome einer paranoiden Schizophrenie. So höre er Stimmen und litte unter Verfolgungswahn. Das Gutachten stufte ihn als „gemeingefährlichen Geisteskranken“ ein.

Kurz nach seiner Einlieferung im Zuchthaus Straubing wurde durch den Generalstaatsanwalt in Kassel die Unterbrechung des Strafvollzuges angeordnet, um Hans Frey in einem „Verwahrungshaus einer öffentlichen Heil- oder Pflegeanstalt“ unterzubringen.

Am 28. Oktober 1938, nach sieben Monaten, wurde er in die Niederbayerische Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen verlegt, von wo aus er am 23. November 1939 in die Landesheilanstalt Eichberg gebracht wurde.

Die Landesheilanstalt Eichberg diente während der Morde der „Aktion T4“ als Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hadamar. Aus diesen Zwischenanstalten wurden die Patienten und Patientinnen zur Ermordung in die Tötungsanstalten gebracht.

Am 13. Januar 1941 fand der erste Transport aus Eichberg in die neu errichtete Tötungsanstalt Hadamar statt. Insgesamt 30 Männer, ein Großteil davon als sogenannte „kriminelle Geisteskranke“ bezeichnet, wurden zur Ermordung nach Hadamar gebracht. In der Krankenakte von Hans Frey heißt es: „wird auf Anordnung des Reichskommissars für die Landesverteidigung nach Hadamar verlegt“. Er wurde an diesem Tag im Alter von 29 Jahren in der Gaskammer ermordet.

 

Quelle: BArch, R179/19659

Rosel Weinstein

Rosel Weinstein (geborene Wolf) wurde am 4. Juli 1893 in Schlüchtern (Bezirk Kassel) geboren. Am 6. Mai 1912 heiratete sie Leopold Weinstein, mit dem sie 1913 Sohn Erich und 1921 Tochter Margrit bekam. Die Familie lebte in Eschwege.

1929 befand sich Rosel Weinstein erstmals kurzzeitig in einem Sanatorium, aus dem sie aber im gleichen Jahr wieder nach Hause entlassen wurde.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann Rosel Weinstein sehr mit der Situation ihrer jüdischen Familie in Deutschland zu hadern. Ihrer Schwester berichtete sie von Demütigungen und Zurückweisungen, die sie sehr schmerzten. Im Laufe des Jahres 1937 erkrankte sie. Ab Juni befand sie sich in einer privaten Nervenklinik in Bonn. Die Ärzte erklärten ihren Zustand mit Störungen im Zusammenhang mit den Wechseljahren. Im folgenden Jahr befand sich Rosel Weinstein dauerhaft in Anstaltsbehandlung. Zwar besserte sich laut ihrer Schwester ihr Zustand kurzzeitig, genauso verschlechterte er sich aber auch immer wieder. Am 4. Juni 1938 wurde Rosel Weinstein in die Anstalt des Dreifaltigkeitsklosters Krefeld-Königshof verlegt. Am 25. Januar 1940 schrieb Rosel Weinstein noch einen Brief aus der Anstalt an ihre Schwester Anna.

Im folgenden Jahr, am 12.02.1941, wurde sie in die Sammelanstalt Düsseldorf-Grafenberg verlegt. Die Anstalt Düsseldorf-Grafenberg diente während der Morde der „Aktion T4“ unter anderem als Sammelanstalt für jüdische Patienten und Patientinnen. Aus diesen Sammelanstalten wurden die Menschen zur Ermordung in die Tötungsanstalten gebracht.

Aus Düsseldorf-Grafenberg wurde Rosel Weinstein am 14. Februar 1941 mit 42 weiteren jüdischen Patienten und Patientinnen in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht. Sie wurde an diesem Tag im Alter von 47 Jahren in der Gaskammer ermordet.

Vielen Dank an Frau de Quervain, die Nichte von Rosel Weinstein, für die Bereitstellung des Fotos.

Eine Grafik mit einem beigen Hintergrund. In der oberen linken Ecke steht in roter Schrift "#Hadamar1941", in der rechten unteren Ecke sind zwei rote Balken übereinander, die in das Bild ragen. Im oberen Balken steht in heller Schrift "Rosel Weinstein", im unteren Balken steht "1893-1941". In der Mitte der Grafik ist eine rechteckige Fotografie im Hochformat abgebildet. Auf dieser schwarz-weiß Fotografie sind eine Frau mit zwei Kindern zu sehen. Die Frau sitzt auf einer hölzernen Bank, trägt ein dunkles, langes Kleid und hält ein Baby im Arm. Das Baby trägt ein weißes Gewand und schaut an der Kamera vorbei. Rechts neben ihnen steht ein junge an die Lehne der Bank gelehnt. Er trägt einen Matrosenanzug und schaut lächelnd auf das Baby hinab.
Rosel Weinstein mit ihren beiden Kindern. Ca. 1921. Grafik: Gedenkstätte Hadamar; Foto: Privat
Eine Grafik mit einem beigen Hintergrund. In der oberen linken Ecke steht in roter Schrift "#Hadamar1941", in der rechten unteren Ecke sind zwei rote Balken übereinander, die in das Bild ragen. Im oberen Balken steht in heller Schrift "Willi Jeuck. Josef Jeuck, Heinrich Jeuck", im unteren steht "1913, 1916, 1919-1941". In der Mitte der Grafik ist in einem dunkleren Beige die Form einer rechteckigen Fotografie angedeutet. Da keine Fotografie vorhanden ist, bleibt der Kasten leer.
Grafik: Gedenkstätte Hadamar

Willi Jeuck, Josef Jeuck und Heinrich Jeuck

Willi, Josef und Heinrich Jeuck waren drei von insgesamt 11 Kindern des Fussinger Ehepaars Jeuck. Die Brüder wuchsen im heutigen Waldbrunn (Westerwald) auf, nur knapp 13 Kilometer nordöstlich von Hadamar.

Über die drei Brüder Jeuck ist bislang nur wenig bekannt. Willi war der Älteste von den dreien, geboren am 12. August 1913. Josef wurde am 4. Mai 1916 und Heinrich Jeuck am 23. Oktober 1919 geboren.

Alle drei wurden am 28. Juni 1937 in die „Heilerziehungsanstalt Kalmenhof“ (Idstein) aufgenommen. Ab 1941 gehörte die Anstalt Kalmenhof zu dem Kreis der Zwischenanstalten, von denen aus Patienten und Patientinnen in die nahe gelegene Tötungsanstalt Hadamar verlegt wurden. So auch die drei Brüder Heinrich, Willi und Josef Jeuck, die am 11. März 1941, zusammen mit mindestens 66 weiteren Personen nach Hadamar transportiert wurden. Noch am selben Tag wurden sie nach ihrer Ankunft in der als Duschraum getarnten Gaskammer durch Kohlenmonoxidvergiftung ermordet.

Da Fussingen in unmittelbarer Nähe zu Hadamar liegt, wurden bei den Brüdern nicht nur, wie durch das Personal üblich, die Todesdaten und Todesursachen gefälscht. Zur weiteren Täuschung wurden ebenso die Patientenakten in eine entfernt liegende Tötungsanstalt der „Aktion T4“ verschickt, um von dort aus die Sterbebeurkundung vorzunehmen. So sollen Willi und Heinrich Jeuck am 30. März 1941, Josef Jeuck infolge einer Ruhrerkrankung am 1. April 1941 in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein in Pirna verstorben sein. Die Urnen mit der Asche von Willi, Josef und Heinrich Jeuck wurden von den Eltern nicht angefordert. Sie ahnten, dass bei dem Tod der drei Kinder ein Verbrechen begangen worden war.

Tatsächlich wurden alle drei am 11. März 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet: Willi Jeuck im Alter von 27 Jahren, Josef Jeuck im Alter von 24 Jahren und Heinrich Jeuck im Alter von 21 Jahren.

Für die zusätzlichen Informationen zu den Brüdern Jeuck danken wir Herrn Rainer Schick, der für die „Chronik von Fussingen – Ein Dorf erzählt“ auch die Opfer der NS-Patientenmorde erforschte.

Rosa Schweikert

Am 5. Mai 1892 wurde Rosa Maria Scherzinger in Nußbach im Schwarzwald als Tochter von Maria und Roman Scherzinger geboren.

Am 11. Mai 1916 wurde sie das erste Mal zur Behandlung in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau aufgenommen, wo sie nach etwa vier Monaten, am 24. September 1916, entlassen wurde. Ihr Zustand wurde in der Akte als „gebessert“ vermerkt.

Anfang 1919 lernte sie Gustav Schweikert kennen und wurde von diesem schwanger. Im Juni heirateten beide, Rosa Maria nahm den Nachnamen ihres Ehemanns an und sie zogen nach Schonachbach im Schwarzwald. Ende November 1919 wurde ihr gemeinsamer Sohn Friedrich Karl Schweikert geboren.

Anfang der 1920er Jahre befand sie sich innerhalb kurzer Zeit mehrfach in verschiedenen Anstalten in Behandlung. In der Krankenakte der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau bei Konstanz wird ihr „manisch-depressives Irresein“ zugeschrieben.

Am 16. Juni 1922 wurde ihre Tochter geboren. Diese war körperlich behindert und starb bereits einen Monat nach der Geburt. Nach dem Tod ihrer Tochter musste Rosa Maria Schweikert erneut in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau behandelt werden. Von dort wurde sie 1923 in die Anstalt Emmendingen verlegt, wo sie mehrere Jahre in Behandlung blieb. Ihr Sohn Friedrich wurde in dieser Zeit von ihrer Schwester aufgenommen. 1925 reichte ihr Ehemann einen Antrag auf Scheidung ein, dem nach einem ärztlichen Gutachten 1926 stattgegeben wurde.

Nachdem sie im August 1928 entlassen wurde, lebte sie bei ihren Eltern. Ende der 1920er Jahre beging ihr Vater Suizid und 1937 starb ihre Mutter. Seit 1938 war sie in der Anstalt in Reichenau bei Konstanz wieder in Behandlung, wo sie mindestens zweimal von ihrer Nichte besucht wurde.

Die Anstalt Reichenau wurde 1941 geräumt. Gemeinsam mit weiteren Patientinnen und Patienten wurde Rosa in die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch  verlegt. Die Anstalt Wiesloch fungierte während der „Aktion T4“ als Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hadamar.

Am 2. April 1941 wurde Rosa Maria Schweikert gemeinsam mit mindestens 76 weiteren Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht und dort im Alter von 48 Jahren ermordet.

Wir bedanken uns herzlich bei Wolfgang Schweikert, Enkel von Rosa Maria Schweikert, für die Bereitstellung seiner Forschungsergebnisse im Rahmen seines Projektes „ROSA – Geschichte eines verirrten Lebens.“

Eine Grafik mit einem beigen Hintergrund. In der oberen linken Ecke steht in roter Schrift "#Hadamar1941", in der rechten unteren Ecke sind zwei rote Balken übereinander, die in das Bild ragen. Im oberen Balken steht in heller Schrift "Rosa Schweikert", im unteren Balen steht "1892-1941". In der Mitte der Grafik ist eine rechteckige Fotografie im Hochformat abgebildet. Auf dieser schwarz-weiß Fotografie ist ein junges Mädchen bei ihrer Kommunion zu sehen. Das Mädchen steht in einem weißen langen Kleid in der Mitte des Bildes in einem Raum. Links neben ihr steht ein kleiner Beistelltisch. In der rechten Hand trägt sie eine Kommunionkerze, mit weißer Spitze um den Schaft. In der linken Hand hält sie ein Buch und einen Rosenkranz. Auf dem Kopf trägt sie einen weißen Kranz. Sie schaut ernst in die Kamera. Unten auf der Fotografie steht in weißer Tinte eine handschriftliche Signatur, die teilweise unleserlich ist..
Portrait von Rosa Schweikert. Grafik: Gedenkstätte Hadamar; Foto: Privat
Eine Grafik mit einem beigen Hintergrund. In der oberen linken Ecke steht in roter Schrift "#Hadamar1941", in der rechten unteren Ecke sind zwei rote Balken übereinander, die in das Bild ragen. Im oberen Balken steht in heller Schrift "Rosa Schillings", im unteren Balken steht "1899-1941". In der Mitte der Grafik ist eine rechteckige Fotografie im Hochkant-Fornat abgebildet. Auf der schwarz-weiß Fotografie sieht man eine Frau zusammen mit ihren beiden Kindern an einem Schaufenster vorbeigehen. Die Frau geht in der Mitte, sie trägt ein dunkles Kleid und einen dunklen Hut. An der rechten Hand hält sie einen kleinen Jungen, der eine helle kurze Hose und ein helles T-Shirt trägt. An der linken Hand hält sie ein kleines Mädchen, das ein helles, kurzes Kleid trägt. Im Hintergrund sieht man einen weiteren Mann über den Bürgerseig gehen.
Rosa Schillings mit ihren beiden Kindern. Zwischen 1930 und 1931. Grafik: Gedenkstätte Hadamar; Foto: Privat

Rosa Schillings - 'Ich bin ohne Sinnen gestorben.'

Rosa Schillings wurde am 18. März 1899 als Rosa Antonette Hubertine Droste in Würselen geboren. Sie wuchs mit drei Brüdern in einer wohlsituierten Kaufmannsfamilie auf und erlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit.

Nach ihrer Hochzeit mit Johann Josef Schillings im Jahr 1925 nahm sie dessen Nachnamen an. Im selben Jahr wurde ihre Tochter Inge geboren, ein Jahr später kam ihr Sohn Gregor auf die Welt.

1929 folgte sie mit den gemeinsamen Kindern ihrem Mann nach Borneo, der dort eine Stelle bei einer niederländischen Firma angenommen hatte. Als ihr Ehemann 1930 starb, kehrte sie mit den Kindern nach Deutschland zurück.

Nachdem Rosa Schillings bereits ihre Eltern und ihren Ehemann verloren hatte, starb ihre Tochter 1931 an Malaria.

Rosa hatte zunehmend psychische Probleme und nach Weinkrämpfen an Weihnachten wurde sie 1932 von ihrem Bruder in eine Heilanstalt in der Nähe von Aachen gebracht.

Dem ersten Anstaltsaufenthalt in Aachen folgten weitere Unterbringungen, bis sie 1936 in die Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen eingewiesen wurde. Dort wurde ihr die Diagnose „paranoide Schizophrenie“ zugeschrieben.

Rosa fügte sich nicht in das Anstaltsleben ein. Für Ärzte und Pflegepersonal war sie nur eine rebellische, aufsässige Patientin. Rosas Willen konnten sie nicht brechen, ihre kritischen Äußerungen über Hitler und das Naziregime nicht stoppen. So nannte sie Hitler einen Schweinehund, der seine Leute mit „Kraft durch Freude“ fange.(1)

Am 2. Mai 1941 wurde Rosa Antonette Hubertine Schillings aus der Anstalt Galkhausen mit mindestens 101 weiteren Patienten und Patientinnen nach Hadamar transportiert. Ihre Angehörigen erhielten später eine Benachrichtigung, dass Rosa am 26. Mai 1941 an Leukämie verstorben sei. Tatsächlich wurde sie am Tag ihrer Ankunft in der Gaskammer der Tötungsanstalt Hadamar ermordet.

(1) Wir danken Frau Gabriele Lübke, Enkelin von Rosa Schillings, ganz herzlich für ihre Recherche. Das Zitat stammt aus dem 2017 bei Spiegel.de erschienen Artikel „Ich bin ohne Sinnen gestorben“.

Gustav Sievers

Gustav Sievers wurde am 13. November 1865 in Almstedt geboren. Nach der Schule erlernte er das Weberhandwerk, wie schon sein Vater und älterer Bruder vor ihm. Als 19-Jähriger ging er für mehrere Jahre auf Wanderschaft, nicht nur innerhalb des Deutschen Reiches, sondern auch in die Vereinigten Staaten von Amerika. Sieben Jahre später kehrte Sievers von dort zurück, heiratete eine ehemalige Schulfreundin und wurde Vater von drei Kindern. Zurück im Deutschen Reich arbeitete er erneut als Weber.

Ab 1900 war Sievers dauerhaft in verschiedenen Anstalten untergebracht. Vor allem sei er wegen Bettelns, Polizistenbeleidigung, unsittlichen Handlungen und aufgrund von Verbreitung sozialdemokratischer Schriften strafrechtlich aufgefallen. Zunächst wurde er am 1. Juni 1900 in die „Provinzial-Irrenanstalt Lengerich“ eingewiesen. Nach mehreren Fluchtversuchen bzw. erfolgreichen Fluchten aus der Anstalt wurde er in Untersuchungshaft genommen. Aufgrund einer Geisteskrankheit sprach man ihn jedoch frei und übergab Sievers der Polizei. Im November 1900 brachte die Polizei Gustav Sievers erneut in die Anstalt Lengerich. Er sei „gemeingefährlich“ und bedürfe der Anstaltsunterbringung. Nach zunächst erfolgreicher Flucht 1903 wurde er in die „Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg“ verlegt. Auch dort zeigte er sich kämpferisch und versuchte wiederholt zu fliehen. Deshalb wurde er 1909 in das „Landesverwahrungshaus Göttingen“ verlegt. Erst 1934 gelangte er zurück in die Anstalt Lüneburg. Von dort floh er ein letztes Mal im Oktober 1934, und lebte ein halbes Jahr bei seiner Familie in Hannover. Jedoch brachte ihn seine Tochter schließlich zurück in die Anstalt Lüneburg, aufgrund von angenommener unsittlichen Handlungen gegenüber seiner Großnichte.

Während seiner Anstaltsaufenthalte wurde Sievers künstlerisch tätig. Einige dieser Bilder sind in der Prinzhorn Sammlung Heidelberg erhalten geblieben. Es sind meist Bildergeschichten, die humorvoll und verspottend aktuelle Themen behandelten.

Am 22. April 1941, nach 39 Jahren Unterbringung in verschiedenen Anstalten, verlegte das Personal der Anstalt Lüneburg Gustav Sievers in die „Landesheilanstalt Herborn“. Aus dieser Zwischenanstalt gelangte er in einem Transport mit weiteren 120 Menschen am 16. Juni 1941 in die Tötungsanstalt Hadamar, in der er, 75-jährig, am selben Tag in der dortigen Gaskammer ermordet wurde.

Quellen:
Jagfeld, Monika: Gustav Sievers  – Erfinder des „Fallschützenwebstuhls“, in: Brand-Claussen, Bettina; Röske, Thomas; Rotzoll, Maike (Hg.): Todesursache: Euthanasie. Verdeckte Morde in der NS-Zeit, 2. Erw. Aufl. 2012, Heidelberg, S. 155-163.

Quelle: BArch, R179/27405

Eine Grafik mit einem beigen Hintergrund. In der oberen linken Ecke steht in roter Schrift "#Hadamar1941", in der rechten unteren Ecke sind zwei rote Balken übereinander, die in das Bild ragen. Im oberen Balken steht in heller Schrift "Gustav Sievers", im unteren Balken steht "1865-1941". In der Mitte der Grafik ist ein rechteckiges Fotos einer Bundstift-Zeichnung abgebildet. Darauf ist ein Tanzball gezeichnet, auf der Frauen und Männer in festlicher, bunter Kleidung miteinander tanzen. Im Hintergrund ist ein großer und edler Tanzsaal zu erkennen.
Zeichnung, erstellt von Gustav Sievers. Grafik: Gedenkstätte Hadamar; Foto: Gustav Sievers (1865 –1941), Ohne Titel [Tanz], vor 1921, Inv.-Nr. 22 © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg
Eine Grafik mit einem beigen Hintergrund. In der oberen linken Ecke steht in roter Schrift "#Hadamar1941", in der rechten unteren Ecke sind zwei rote Balken übereinander, die in das Bild ragen. Auf dem oberen Balken steht in heller Schrift "Maria Elisabeth Breiderhoff", auf dem unteren Balken steht "1907-1941". In der Mitte der Grafik ist eine rechteckige Fotografie abgebildet. Auf dem schwarz-weißen Foto sind mehrere Menschen zu sehen, die für das Foto posieren. Links stehen zwei Frauen in dunklen Kleider, die vordere Frau hält einen Sonnenschrim. In der Mitte stehen vier Jungen, die Anzüge und Hüte tragen. Daneben steht eine einzlne Frau, die eine helle Bluse, einen dunklen Rock und einen dunklen Hut trägt. Auf der rechten Seite des Bildes stehen zwei Männer in Anzügen und mit Hüten auf dem Kopf. Vor der Gruppe liegen zwei Mädchen auf der Wiese und lächeln in die Kameta. Die Mädchen tragen helle Kleidung, eine von ihnen trägt einen hellen Hut. Das Foto wurde im Freien aufgenommen, im Hintergrund sind Äste von Bäumen zu sehen. Alle Mitglieder der Grippe schauen in die Kamera.
Maria Elisabeth Breiderhoff mit Familie (unten links) um 1920. Grafik: Gedenkstätte Hadamar; Foto: Privat

Maria Elisabeth Breiderhoff

Maria Elisabeth Breiderhoff wurde am 8. März 1907 in Waldbröl geboren. In ihrer Kindheit wurden bei ihr erste epileptische Anfälle diagnostiziert. Belegt ist, dass Elisabeth Ende der 1930er Jahre in der „Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Süchteln-Johannistal“ untergebracht war. Am 11. Juni 1941 wurde sie von dort aus in die „Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen“ verlegt, die zu dieser Zeit als Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hadamar diente.

Elisabeths Familie wurde, wie üblich, über die Verlegung informiert und schrieb direkt nach Galkhausen, um den Grund der Verlegung zu erfahren. Die Antwort war eine Täuschung: Als die Familie nach über einen Monat Wartezeit am 22. Juli 1941 eine Antwort erhielt, wurde ihr lediglich die Verlegung in eine „unbekannte Anstalt“ bekannt gegeben. Tatsächlich wurde Elisabeth an diesem Tag nach Hadamar gebracht und dort ermordet.

Noch am Tag der Ankunft des Briefes rief Elisabeths Familie in der Anstalt Galkhausen an. Diese verwies nur auf die schriftliche Mitteilung. Daraufhin wandte sich die Familie an den Caritasverband sowie den Gauärzteführer in Köln und die „Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft“ (Gekrat) in Berlin, die für die Transporte in die Tötungsanstalten im Rahmen der „Aktion T4“ verantwortlich war. Aus Berlin erhielt der Vater die Nachricht, dass seine Tochter angeblich in die „Heilanstalt Bernburg“ gekommen sei. Umgehend meldete er sich dort am 31. Juli 1941, mit der Absicht Elisabeth besuchen zu wollen. Noch am gleichen Tag erhielt er aus Bernburg die gefälschte Todesurkunde. Elisabeth sei dort am 30. Juli in Folge eines epileptischen Anfalls verstorben. Ein für die „Aktion T4“ übliches Verfahren, um die Tötungen zu verschleiern.

Auch nach dem Tod von Elisabeth versuchte die Familie, die Umstände weiter aufzuklären und schien dabei sehr gut verstanden zu haben, was passierte. So schaltete der Vater das katholische Pfarramt in Kronenburg ein, das sich beim Pfarramt in Bernburg über die Todesursache erkundigte. Im September 1941 schrieb Elisabeths Schwester an ihren Vater: „Sieh mal, wenn wir der Mordanstalt nun nochmal schreiben […] dann regen wir uns schrecklich auf, wenn wieder so ein Brief von dieser Mordbande kommt.“

Am 30. März 1942 erhielt die Familie die Nachricht, dass die Asche von Elisabeth Ende August 1941 auf dem Friedhof in Bernburg beigesetzt worden sei. Tatsächlich wurde Elisabeth am  22. Juli 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar im Alter von 34 Jahren gemeinsam mit 127 weiteren Personen ermordet.

Danke an Frau Hartmann-Tsigos für die Bereitstellung der Fotos und Quellen.

Wilhelm Greiner

Wilhelm Greiner wurde am 27. März 1911 in Wallendorf in Thüringen geboren. Er hatte zwei Brüder und eine Schwester. Mit seiner Mutter, Wilhelmine Greiner, lebte er noch in den 1930er Jahren zusammen. Sein Vater lebte bereits nicht mehr – er war im Ersten Weltkrieg gefallen.

Über das Leben von Wilhelm Greiner ist heute sehr wenig bekannt. Außer der wenige Seiten umfassenden Patientenakte, die im Bundesarchiv Berlin erhalten geblieben ist, gibt es bislang keine Hinweise über ihn.

Sicher ist, dass er Ende der 1920er Jahre wegen Epilepsie in Behandlung war und von Oktober 1936 bis Januar 1937 in der „Nervenklinik der Stadt und Universität Frankfurt am Main“ untergebracht war. Dort wurde 1937 in seiner Akte vermerkt: „will nicht arbeiten“. Arbeitsunfähigkeit war später im Rahmen der „Aktion T4“ ein Kriterium, aufgrund dessen über die Ermordung der Patienten und Patientinnen entschieden wurde.

Im Januar 1937 wurde er von Frankfurt in die Landesheilanstalt Weilmünster verlegt. Über seine Zeit in der dortigen Anstalt sind keine weiteren Unterlagen überliefert.

Am 21. August 1941 erreichte der letzte Transport der „Aktion T4“ die Tötungsanstalt Hadamar. Aus der Zwischenanstalt Weilmünster wurden 83 Männer nach Hadamar gebracht. Unter ihnen auch Wilhelm Greiner, der an diesem Tag im Alter von 30 Jahren in der Gaskammer ermordet wurde.

Drei Tage später, am 24. August 1941, wurde die „Aktion T4“ abgebrochen. Allerdings wurden die NS-„Euthanasie“-Morde in anderer Form fortgeführt.

Eine Grafik mit einem beigen Hintergrund. In der oberen linken Ecke steht in roter Schrift "#Hadamar1941", in der rechten unteren Ecke sind zwei rote Balken übereinander, die in das Bild ragen. Im oberen Balken steht in heller Schrift "Wilhelm Greiner", im unteren steht "1911-1941". In der Mitte der Grafik ist in einem dunkleren Beige die Form einer rechteckigen Fotografie angedeutet. Da keine Fotografie vorhanden ist, bleibt der Kasten leer.
Grafik: Gedenkstätte Hadamar