Die Täter und Täterinnen

Die Morde in den Tötungsanstalten des Deutschen Reichs der 'T4'-Zentrale und auch die Morde in der zweiten Phase wurden von den Ärzten, Pfleger und Pflegerinnen in den jeweiligen Einrichtungen durchgeführt.

Mehr über ausgewähltes Personal der Tötungsanstalt Hadamar finden Sie hier.

Informationen über die Hadamarer Gerichtsprozesse der Nachkriegszeit finden Sie hier.

Pauline Kneissler

Aussage im Frankfurter Hadamar-Prozess 1947

"Als drittes, dass ich des Mordes angeklagt werde, bitte ich das Gericht um Gerechtigkeit! Man kann mich unmöglich verantwortlich machen, für diese Gesetze des Dritten Reiches, dass dessen Bestimmungen nicht vollkommen waren, ist schließlich nicht Sache einer Schwester. Vor der Schwester am Krankenbett steht der Arzt. Ob er ein Brustwickel, Einlauf, Herztropfen oder Schlafmittel verordnet. In diesem Falle den Gnadentod. Ich habe den Gnadentod nicht als Mord betrachtet. Und bilde mir ein, dass wirklich nur der, wer Mitleid hat und mitleiden kann dieses versteht. Es waren Menschen denen nicht mehr geholfen werden konnte. Psychisch wie körperlich."

Judith Thomas

Aussage im Frankfurter Hadamar-Prozess 1947

"Herr Ö. klärte mich auf über den Zweck der Stiftung und sagte mir, dass ich in Berlin verbleiben müsste. Ich wurde nicht gefragt, ob ich das wollte. Ich habe mir gar nichts dabei gedacht. Ich hatte keine Vorstellung von Geisteskranken und von Heilanstalten. Herr Ö. sagte mir noch, dass ein Gesetz des Führers bestehe, wonach unheilbare Geisteskranke durch Gas getötet würden. Er sagte, dass ich im Büro beschäftigt würde."

Dr. Adolf Wahlmann

Aussage im Frankfurter Hadamar-Prozess 1947

"Ich wusste nichts davon, dass die Kranken vorher schon dazu bestimmt waren. Ich lebte immer noch in dem Glauben: das ist ein Transport, bei dem nur die Leute ausgesucht werden, die zur Euthanasie hin sollen. Nun erfuhr ich erst mit einigen Worten – es könnte sein, dass ich die Rede auch vergessen habe, dass Zettel bestanden, Zettel ausgefüllt waren, und dass alle Leute, die nun ankamen aus Hofen, Berlin, Hamburg usw., dass die zur Euthanasie bestimmt waren; das wusste ich nicht. [...] Ich ging jeden Morgen durch die Station. Die Konferenz, die war morgens 9 Uhr, die Oberschwester und ein Oberpfleger oder Vertreter waren dabei. Ich hielt die Konferenz ab. Wir haben zunächst das Allgemeine besprochen und alle paar Tage, vielleicht in der Woche einmal, wurden die Fälle in den Krankengeschichten herausgesucht. Die Krankengeschichten hatte ich auf meinem Büroregal. Wir besprachen vorher, wen man so heute vornehmen könnte, in der Konferenz um 9 Uhr.
(Vorhalt) Die wurden mir vorgeschlagen, zum Teil von der Oberpflegerin oder vom Oberpfleger. Sie hatten noch nichts schriftliches in der Hand. Doch: sie hatten sich Notizen gemacht, wen sie mir vorschlagen wollten, so muss es wohl gewesen sein.
(Auf Vorhalt des Vorsitzenden, sich genau zu erinnern.) Die waren doch nicht als Vorschlag aufzufassen, vielleicht dass ich am Tage vorher schon mal sagte: die und die kommt morgen dran. Das kann vielleicht sein, dass ich das bei der Visite feststellte."

Dr. Hans-Bodo Gorgass

Aussage im Frankfurter Hadamar-Prozess

"Lohnauer hat mir erklärt: es besteht das Gesetz, dass unheilbaren Geisteskranken der Gnadentod gewährt werden darf. Bestimmte Ärzte sind dafür vorgesehen. Die Auswahl erfolgt mit allen wissenschaftlichen Hilfsmitteln, wofür schon die Personen, die wissenschaftlich anerkannten Leiter, garantieren. Er machte mir noch nähere Ausführungen über die Krankengruppen, um die es sich dabei handelte. Ich fragte: sind da alle therapeutischen Maßnamen versucht worden? Daraufhin gab mir Lohnauer die Versicherung. [...] Nun machte ich Einwendungen, dass unsere Tätigkeit keine wissenschaftlich sehr große sei. Da sagte er: Es ist im Gesetz verlangt, dass ein Arzt die Ausführung hat, daran ist nichts zu ändern."

Nachkriegsprozesse

Nach dem Krieg fanden zwei Prozesse statt, um die Verbrechen an rund 15.000 Menschen, die in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet wurden, zu sühnen.

Prozess 1945
Der Kriegsverbrecherprozess vor einem amerikanischen Militärgericht fand vom 8. bis 15. Oktober 1945 in Wiesbaden statt. Gegenstand der Anklage war der Mord an mehr als 600 Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen. In diesem Prozess leugneten die Angeklagten ihre Taten nicht. Die beiden Pfleger Heinrich Ruoff und Karl Willig sowie der Verwaltungsleiter Alfons Klein wurden zum Tode verurteilt. Die Hinrichtungen wurden am 14. März 1946 in Bruchsal vollstreckt. Das restliche Personal erhielt langjährige Haftstrafen.

Prozess 1947
Die Verbrechen an deutschen Opfern sollten vor deutschen Gerichten verhandelt werden. Deshalb wurde das Strafverfahren wegen der Morde an allen 15.000 Opfern seit dem 24. Februar 1947 vor dem Landgericht Franfurt am Main geführt. Das Gericht stellte in seinem Urteil vom 21. März 1947 fest, dass der Druck zur Teilnahme an den Morden auf die Angeklagten nicht so hoch gewesen sei, wie diese behaupteten. Eine Ablehnung der Beteiligung wäre möglich gewesen. Die beiden Ärzte (Gorgass und Dr. Wahlmann) wurden wegen Mordes zum Tode verurteilt. Das Pflegepersonal erhielt Haftstrafen zwischen zwei Jahren, sechs Monaten und acht Jahren wegen Beihilfe zum Mord. Das Büropersonal wurde freigesprochen.

Nachzulesen ist hier:
- die Aussage des Arztes Hans-Bodo Gorgass im Frankfurter Hadamar-Prozess 1947

- die Aussage des Arztes Adolf Wahlmann im Frankfurter Hadamar-Prozess 1947

- die Aussage der Bürokraft Judith Thomas im Frankfurter Hadamar-Prozess 1947

- die Aussage der Krankenschwester Pauline Kneissler im Frankfurter Hadamar-Prozess 1947

Personal

1941 arbeiteten in der Tötungsanstalt Hadamar ("T4-Aktion") ca. 100 Personen. Sie waren in fünf Bereichen tätig:

Transportabteilung mit Transportleiter, Busfahrern, begleitendem Pflegepersonal,

Aufnahmeabteilung mit weiblichen und männlichen Pflegekräften und Fotografen,

Tötungsabteilung mit leitendem Arzt und seinem Stellvertreter sowie den so genannten "Brennern",

Verwaltungsabteilung mit Verwaltungsleiter, Standesbeamten, der so genannten "Trostbriefabteilung" und Urnenversand,

Wirtschaftsabteilung mit Wirtschaftsleiter, Köchen, Küchenhilfen, Heizern, Waschfrauen usw.



Von 1942 bis 1945 ("zweite Mordphase") waren in der Tötungsanstaltanstalt drei Personengruppen beschäftigt:

Arzt und Pflegepersonal: Der einzige Arzt, die Oberschwester und der Oberpfleger legten fest, wer getötet werden sollte. Nur bestimmte Pflegekräfte erhielten den Auftrag zur Verabreichung der tödlichen Medikamente.

Verwaltungsabteilung: Sie war zuständig für die Koordinierung der reichsweiten Patiententransporte, die Korrespondenz mit Angehörigen und Behörden und das Friedhofskommando bestehend aus Arbeitspatienten unter der Leitung eines Pflegers.

Wirtschaftsabteilung: Sie sorgte für die Verpflegung, die Eigenproduktion von Fleisch, Gemüse und Obst und den Einsatz von arbeitsfähigen Patientinnen und Patienten.


Kurze Biografien von Tätern und Täterinnen der Tötungsanstalt Hadamar:

Dr. Ernst Baumhard

Dr. Adolf Wahlmann

Pauline Kneissler

Hubert Gomerski

Judith Thomas

Dr. Ernst Baumhard

Arzt in der Ersten Mordphase

Während der "T4"-Phase waren in Hadamar vier Ärzte tätig: Dr. Ernst Baumhard, Günther Hennecke, Dr. Friedrich Berner und Bodo Gorgass. Stellvertretend wird hier die Biografie von Dr. Ernst Baumhard geschildert:

Dr. Baumhard wurde 1911 in Ammendorf bei Halle/Saale geboren. Nachdem er das Abitur abgelegt hatte, studierte er in Halle Medizin. Baumhard erhielt am 1. September 1939 die ärztliche Approbation und arbeitete dann im Barbarakrankenhaus in Halle. Seit 1934 war er Mitglied im NS-Studentenbund und in der SA. Der NSDAP trat er 1937 bei. Am 2. November 1939 wurde er durch die "T4" notdienstverpflichtet. Im Januar 1940 nahm er in der Tötungsanstalt Brandenburg an einer "Probevergasung" teil. Ende Februar/Anfang März selektierte er Patienten der Anstalt Bedburg-Hau und begleitete sie in die Tötungsanstalt Grafeneck. Im April 1940 wurde er Leiter von Grafeneck als Nachfolger von Dr. Horst Schumann. Dieselbe Position hatte er ab 1. Januar 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar inne. Hier gehörte es zu seinen Aufgaben, den Gashahn aufzudrehen.
Im Juni 1941 schied er auf eigenen Wunsch aus der "T4" aus und ließ sich zur Kriegsmarine einberufen. Dr. Baumhard starb am 24. Juni 1943, als sein U-Boot versenkt wurde.

Dr. Adolf Wahlmann

Arzt in der Zweiten Mordphase

In den Jahren 1942 bis 1945 war Dr. Wahlmann der einzige Arzt in Hadamar. Er wurde am 10. Dezember 1876 geboren und kam 1905 als Psychiater zum Bezirksverband Nassau, dem Träger u.a. der Landesheilanstalt Hadamar. Er gehörte zu den Reformpsychiatern, die nach neuen Behandlungsmethoden suchten. Zuletzt war er in der Landesheilanstalt Hadamar tätig, als er sich 1936 aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzen ließ. Im Juni 1940 wurde Dr. Wahlmann wegen des herrschenden Ärztemangels wieder reaktiviert und als Oberarzt in die Landesheilanstalt Weilmünster geschickt. Nach zwei Jahren wurde er nach Hadamar versetzt, wo er in der Stellung eines Chefarztes am 5. August 1942 seinen Dienst antrat.
Dr. Wahlmann war für die Auswahl der Mordopfer verantwortlich. Er entschied morgens gemeinsam mit Oberschwester und Oberpfleger, welche Patientinnen und Patienten von der Nachtschicht die tödlichen Medikamente erhalten sollten.
Dr. Wahlmann stand in zwei Nachkriegsprozessen 1945 und 1947 vor Gericht. 1945 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. 1947 erhielt er die Todesstrafe. Sie wurde mit Gründung der Bundesrepublik (1949) in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Dr. Wahlmann wurde begnadigt und 1953 entlassen. Er verstarb am 1. November 1956.

Pauline Kneissler

Schwester in beiden Mordphasen

Pauline K. wurde 1900 in der Ukraine geboren und kam 1918 nach Deutschland. 1920 beendete sie ihre Ausbildung als Krankenschwester in Duisburg. Sie war in verschiedenen Einrichtungen in Duisburg und Berlin tätig. Seit 1937 war sie NSDAP-Mitglied, Blockleiterin in der NS-Frauenschaft und Helferin der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Im Januar 1940 musste sie sich bei der "T4"-Zentrale in Berlin melden. Nach ihrer Einwilligung mitzuarbeiten, kam sie Anfang 1940 in die Gasmordanstalt Grafeneck, im Dezember 1940 dann nach Hadamar, wo sie bis August 1941 blieb.
Zwischen 1942 und 1944 war sie wieder in Hadamar tätig und tötete mit überdosierten Medikamenten.
K. wurde 1948 wegen Beihilfe zum Mord zu drei Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt. Nach einem Jahr kam sie wieder frei.

Hubert Gomerski

"Brenner" in der Ersten Mordphase

Die "Brenner" waren für die Verbrennung der Leichen zuständig. Einer der namentlich bekannten "Brenner" war Hubert Gomerski. Er wurde 1911 geboren und erlernte 1927 den Beruf eines Eisendrehers. Seit 1929 war er NSDAP- und seit 1931 SS-Mitglied. Im November 1939 wurde er zur Ableistung des Kriegsdienstes zur SS (Totenkopfstandarte) eingezogen. 1940 wurde er zur "T4" befohlen und in die Tötungsanstalt Hartheim abkommandiert. Zunächst war er im Büro beschäftigt, dann half er bei der Verbrennung der Leichen. Da er diese Tätigkeit nicht ertrug (ihm wurde schlecht), wurde er zunächst in die "T4"-Zentrale zurückbeordert. Dann schickte ihn die "T4" nach Hadamar, wo er erneut an den Verbrennungsöfen eingesetzt wurde.
Nach dem Ende der Gasmorde in Hadamar kam er im April 1942 nach Sobibor, eines der Vernichtungslager der "Aktion Reinhard". Dort entwickelte er sich zum brutalen Mörder, der ohne Befehl Häftlinge erschoss oder erschlug. Im Herbst 1943 wurde er bis Kriegsende nach Triest versetzt.
Gomerski wurde im Hadamar-Prozeß 1947 von der Anklage der Beihilfe zum Mord freigesprochen, in einem zweiten Gerichtsverfahren wegen seiner in Sobibor begangenen Verbrechen aber 1950 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Nach 22 Jahren Haft wurde das Urteil aufgehoben. Gomerski starb 1999.

Judith Thomas

Bürokraft in der Ersten Mordphase

Die Büroangestellten waren u. a. für das Schreiben der "Trostbriefe" zuständig. Außerdem war die gesamte administrative Abwicklung der Morde ihre Aufgabe.

Eine dieser Bürokräfte war Judith Th. Sie wurde 1922 geboren. Zunächst war sie in einem Laboratorium in Offenbach beschäftigt. Im April 1941 musste sie sich bei der "T4" in Berlin melden. Dort wurde sie zu Büroarbeiten herangezogen. Wegen der schwierigen Wohnungslage wollte sie zurück nach Hessen. Im Juni 1941 kam sie nach Hadamar und arbeitete in der Personalabteilung. Sie behauptete, die Tötungen nicht bemerkt zu haben.
Judith Th. lernte in der Tötungsanstalt ihren Ehemann, den Busfahrer Martin Th., kennen. 1943 brachte sie ein Kind zur Welt, verblieb aber in der Anstalt. Sie versuchte mehrmals zu kündigen. Judith Th. wurde 1947 von der Anklage wegen Beihilfe zum Mord freigesprochen.